38 Grad, 200 Dosen und ein Berg namens Ventoux

Ein Reisebericht von Jochen Klebsch

Provence, Frankreich, Anfang September 2026 – Wenn sich 23 Rennradfahrer und 5 Rennradfahrerinnen der RSG Ried Rastatt auf den Weg in die Provence machen, kann man ziemlich sicher sein: Es wird nicht langweilig.

Unser Ziel hieß Methamis, ein kleines provenzalisches Dorf am Fuße des Mont Ventoux. Dort wartete ein riesiges provenzalisches Mas auf uns – dazu ein eigenes provenzalisches Haus für die Frauen, ein großer Pool, ein Jacuzzi und, was für eine Radsportgruppe mindestens genauso wichtig ist, ein gut gefüllter Getränkevorrat.

200 Dosen Bier waren aus Deutschland mitgebracht worden. 200!

Wer jetzt denkt, das sei ein bisschen viel, kennt offenbar keine hungrigen und durstigen Rennradfahrer.

Der frühe Vogel … fährt alleine Schon am ersten Morgen zeigte sich, dass wir nicht alle dieselbe Vorstellung von einem gelungenen Urlaub hatten. Die Fraktion der Frühaufsteher war natürlich schon gefühlt um 5:30 Uhr auf den Beinen. Während normale Menschen zu dieser Zeit noch überlegten, ob sie sich vielleicht langsam auf den Tag vorbereiten sollten, wurden bereits Trinkflaschen gefüllt, Reifen kontrolliert und Wetter-Apps studiert. Die anderen hörten das alles und drehten sich noch einmal um. Schließlich ist man ja im Urlaub. Irgendwann trafen sich dann aber doch alle beim Frühstück. Und spätestens wenn der erste Kaffee getrunken war, war auch der Letzte bereit für die nächste Frage: „Wann fahren wir los?“ Natürlich gab es darauf unterschiedliche Antworten.

Die Provence gehört den Rennradfahrern Dann ging es los. Fast täglich erkundeten wir die Provence auf dem Rennrad: Kleine Straßen, Weinberge, Lavendelfelder, malerische Dörfer und jede Menge Höhenmeter. Und natürlich Hitze – bis zu 38 Grad!

Während manche angesichts dieser Temperaturen glänzende Augen bekamen, fragten sich andere eher, ob man ein Rennrad auch mit einer Klimaanlage ausstatten könne. Die Trinkflaschen wurden jedenfalls schneller leer, als man „Mont Ventoux“ sagen konnte. Im Laufe der Woche wurde es etwas kühler, was von den meisten dankbar zur Kenntnis genommen wurde.

200 Kilometer – oder: Wann hört das endlich auf? Eine kleine Gruppe der „ganz Harten“ hatte sich vorgenommen, eine Tour über 200 Kilometer zu fahren. 200 Kilometer. In der Provence. Bei diesen Temperaturen. Spätestens hier trennten sich die normalen Radsportler von denjenigen, die offenbar noch ein Gespräch mit ihrem inneren Schweinehund offen hatten. Die Tour entwickelte sich für nahezu alle Teilnehmer zu einer echten physischen und psychischen Grenzerfahrung. Irgendwann wurden die Beine schwer, die Kilometer wollten einfach nicht weniger werden und vermutlich stellte sich bei dem einen oder anderen mehrfach die Frage: „Wer hatte eigentlich diese grandiose Idee?“ Aber die Gruppe hielt zusammen: Es wurde sich gegenseitig motiviert, gewartet und gemeinsam weitergefahren. Und dann, irgendwann, waren sie tatsächlich da: 200 Kilometer geschafft! Die Helden des Tages kehrten erschöpft, aber wohlbehalten zum Mas zurück und wurden gebührend zurückgefeiert. Man sah ihnen die Strapazen an – aber auch den Stolz. Am Abend wurden die Ereignisse natürlich ausführlich besprochen; komischerweise wurden die 200 Kilometer dabei von Gespräch zu Gespräch immer länger.

Der Ventoux und seine ganz besonderen Freunde Natürlich durfte bei einer Radsportwoche am Fuße des Mont Ventoux eines nicht fehlen: der Mont Ventoux selbst. Einige von uns sagten sich: „Einmal hoch, das reicht.“ Andere dachten offenbar: „Wenn wir schon mal hier sind, können wir auch zweimal fahren.“ Und dann gab es noch drei ganz besondere Kandidaten. Diese drei hatten offenbar beschlossen, dass ein Ventoux nicht reicht. Auch zwei nicht. Also: Dreimal! Am Stück. Während wir anderen schon beim Gedanken daran müde wurden, fuhren die drei tatsächlich drei Aufstiege. Drei! Spätestens danach war klar, dass diese Herren für den Rest der Woche offiziell zur Gruppe der „ganz Harten“ gehörten. Wir anderen konnten uns damit trösten, dass wir immerhin wussten, wo der Jacuzzi stand.

Die Küchenmannschaft – unsere wahren Helden Nach so viel Sport musste natürlich gegessen werden – und zwar ordentlich. Die Verpflegung wurde gemeinsam organisiert: Einkaufen, Gemüse schnippeln, Nudeln kochen, Tische decken und anschließend dafür sorgen, dass 28 hungrige Radsportler auch wirklich satt wurden. Die Küchenmannschaft hatte also mindestens genauso viel zu tun wie die Fahrer auf der Straße. Vor allem nach einer längeren Tour konnte man sehr schön beobachten, wie sich ein Rennradfahrer verhält, wenn er seit mehreren Stunden nichts mehr gegessen hat: Er wird plötzlich sehr zielstrebig. Und wenn irgendwo Essen auf dem Tisch steht, entstehen erstaunliche Geschwindigkeiten – ganz ohne Rennrad. Ein besonderer Dank gilt deshalb allen, die dafür gesorgt haben, dass nach unseren Touren stets etwas Vernünftiges auf dem Teller stand.

200 Dosen – eine wissenschaftliche Mengenplanung Kommen wir noch einmal zum Bier. 200 Dosen. Natürlich wurde im Vorfeld darüber diskutiert, ob das wirklich reichen würde. Eine gewisse Unsicherheit war durchaus vorhanden. Aber wir hatten ja einen klaren Plan: Erst Radfahren, dann Pool, dann Bier. Oder zumindest ungefähr in dieser Reihenfolge. Die 200 Dosen waren jedenfalls nicht nur ein Getränkevorrat, sondern fast schon ein Teil unserer Reiseausstattung. Und tatsächlich hatte man am Ende der Woche den Eindruck, dass die Dosen wesentlich besser organisiert waren als manche morgendliche Abfahrt.

Pool, Jacuzzi und die hohe Kunst der Regeneration Nach einer langen Ausfahrt gab es eigentlich nur noch einen vernünftigen Gedanken: Wasser! Der riesige Pool war dafür perfekt. Rein ins Wasser, Beine hoch und erst einmal nichts tun. Wer es etwas wärmer mochte, konnte sich in den Jacuzzi setzen und dort herrlich entspannen. Besonders nach den härteren Touren war der Jacuzzi ein beliebter Ort. Während im Pool noch über die gefahrenen Kilometer diskutiert wurde, konnte man im Jacuzzi bereits die nächste wichtige Frage klären: „Was gibt’s heute Abend zu essen?“ Die Prioritäten waren also eindeutig.

Und dann war da noch die Gemeinschaft Bei all dem Radfahren, Essen, Trinken und Regenerieren wurde eines besonders deutlich: Diese Woche lebte von der Gemeinschaft. 28 Menschen, unterschiedliche Leistungsstärken, unterschiedliche Tagesrhythmen und teilweise sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wann eine Ausfahrt beginnen sollte. Aber auf dem Rad und daneben funktionierte die Gruppe hervorragend. Es wurde gelacht, gefrotzelt, geholfen und gemeinsam gefeiert. Keiner musste jeden Berg genauso schnell hochfahren wie der andere. Jeder konnte seine persönlichen Herausforderungen suchen. Und am Abend saßen dann doch wieder alle zusammen.

Was bleibt? Am Ende der Woche waren die Räder wieder im Auto verstaut, die Koffer gepackt und die letzten Dosen aus dem Kühlschrank verschwunden. Zurück blieben müde Beine, viele Kilometer und noch mehr Geschichten: Die Geschichten von den 200 Kilometern, den drei Ventoux-Aufstiegen, den Frühaufstehern, die morgens schon startklar waren, während andere noch im Bett lagen, die Geschichten aus der Küche, vom Pool, vom Jacuzzi – und natürlich die Geschichten von den 200 Dosen Bier. Vor allem aber bleibt die Erinnerung an eine fantastische Woche mit einer tollen Truppe.

Fazit eines Teilnehmers 38 Grad, 200 Kilometer, drei Ventoux-Aufstiege, 200 Dosen Bier, ein riesiger Pool, ein Jacuzzi und 28 bestens gelaunte Radsportlerinnen und Radsportler. Was will man mehr? Vielleicht ein bisschen weniger Höhenmeter. Vielleicht fünf Grad weniger. Vielleicht einen späteren Frühstücksbeginn. Aber wahrscheinlich würde genau das beim nächsten Mal wieder niemanden interessieren. Denn spätestens wenn einer sagt: „Morgen fahren wir eine kleine Runde …“, wissen wir alle: Es wird wieder eine große Geschichte.

Hintergrund zum Reiseziel: Méthamis

Méthamis ist ein malerisches, auf einem Felsen erbautes Dorf mit rund 440 Einwohnern im Département Vaucluse (Region Provence-Alpes-Côte d’Azur). Es liegt südwestlich des Mont Ventoux auf etwa 380 Metern Höhe.

Für Radsportler bietet die Lage ideale Bedingungen:

  • Mont Ventoux: Der „Gigant der Provence“ liegt direkt vor der Haustür; die klassischen Aufstiege über Bédoin, Malaucène oder Sault sind in kurzer Anfahrt erreichbar.
  • Monts de Vaucluse: Die Umgebung bietet ein dichtes Netz aus verkehrsarmen Nebenstraßen, hügeligen Weinbergen und Lavendelfeldern – perfekt für abwechslungsreiche Grundlagentouren und Höhenmeter-Einheiten.